Ein dunkel Uniformierter, der scheinbar völlig geräuschlos vor seiner Tür gestanden hatte, machte einen überraschten Schritt zur Seite, als Martin nach draußen trat. Er sah durch dunkle Gläser an seinem Vorsitzenden herunter, der im Seidenschlafanzug vor ihm stand.
“Sie bewachen mich also”, stellte Martin fest.
“Selbstverständlich, Herr Vorsitzender”, befleißigte sich der Bodyguard, “‘Dem Feind immer ein Stück voraus’, heißt es nicht so in ihrem Buch?”
“Na klar”, sagte Martin und musste darüber grinsen, dass er scheinbar sogar ein Buch geschrieben hatte. Ob er auch einen Sohn gezeugt und ein Haus gebaut hatte?
“Ich wollte nur überprüfen, ob Sie nicht schlafen”, sagte er und dank seines Lächelns wirkte es wohl wie ein gutmütiger Scherz, denn die Züge des Wachmannes entspannten sich.
“Irgendwelche Vorkommnisse während der Nacht?”, fragte er im professionellem Tonfall.
“Nein, Herr Vorsitzender”
“Sehr gut.”
Martin zog sich in sein Zimmer zurück. Hätte er etwas Militärisches sagen sollen, wie in den Filmen, ‘wegtreten’ etwa oder ‘rühren’ oder ’stehen Sie bequem, Sergeant’? Er wusste es nicht. Langsam dämmerte ihm aber auch, dass das wohl völlig egal war: Er war schließlich der große Vorsitzende. Er hätte dem Mann ein Wasserglas über dem Kopf ausschütten können, und er hätte keine Miene verzogen. Martin müsste, sollte er Lust verspüren etwas Derartiges zu tun, allerdings dringend dafür sorgen, dass Reyer und seine Leute davon keinen Wind bekamen. Aber wer waren überhaupt Reyers Leute, fragte er sich, als er vor den Kleiderschrank trat und wahllos ein Hemd und eine Hose hervorzog. Gehörte der Bodyguard vor der Tür vielleicht dazu? Wie bedroht war denn sein Leben, wenn man mitten in einem sicherlich bestens gesicherten Gebäude noch zusätzlich eine Posten vor seiner Tür brauchte? Reyer wusste oder ahnte sicherlich, dass Martin glauben müsste, es sei völlig normal, einen Wächter vor seiner Tür vorzufinden. Oder war das tatsächlich eine Selbstversändlichkeit? Eine Welle der Paranoia überkam ihn. Die selbe Frage konnte er sich bei allem stellen, was ihn umgab, dem weißen Hemd, den Bergen, allem. So konnte es nicht weitergehen. Er schlüpfe in ein paar Pantoffeln, das er neben dem Bett fand und machte einen entschlossenen zweiten Anlauf in Richtung Tür.