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Ein dunkel Uniformierter, der scheinbar völlig geräuschlos vor seiner Tür gestanden hatte, machte einen überraschten Schritt zur Seite, als Martin nach draußen trat. Er sah durch dunkle Gläser an seinem Vorsitzenden herunter, der im Seidenschlafanzug vor ihm stand.

“Sie bewachen mich also”, stellte Martin fest.

“Selbstverständlich, Herr Vorsitzender”, befleißigte sich der Bodyguard, “‘Dem Feind immer ein Stück voraus’, heißt es nicht so in ihrem Buch?”

“Na klar”, sagte Martin und musste darüber grinsen, dass er scheinbar sogar ein Buch geschrieben hatte. Ob er auch einen Sohn gezeugt und ein Haus gebaut hatte?

“Ich wollte nur überprüfen, ob Sie nicht schlafen”, sagte er und dank seines Lächelns wirkte es wohl wie ein gutmütiger Scherz, denn die Züge des Wachmannes entspannten sich.

“Irgendwelche Vorkommnisse während der Nacht?”, fragte er im professionellem Tonfall.

“Nein, Herr Vorsitzender”

“Sehr gut.”

Martin zog sich in sein Zimmer zurück. Hätte er etwas Militärisches sagen sollen, wie in den Filmen, ‘wegtreten’ etwa oder ‘rühren’ oder ’stehen Sie bequem, Sergeant’? Er wusste es nicht. Langsam dämmerte ihm aber auch, dass das wohl völlig egal war: Er war schließlich der große Vorsitzende. Er hätte dem Mann ein Wasserglas über dem Kopf ausschütten können, und er hätte keine Miene verzogen. Martin müsste, sollte er Lust verspüren etwas Derartiges zu tun, allerdings dringend dafür sorgen, dass Reyer und seine Leute davon keinen Wind bekamen. Aber wer waren überhaupt Reyers Leute, fragte er sich, als er vor den Kleiderschrank trat und wahllos ein Hemd und eine Hose hervorzog. Gehörte der Bodyguard vor der Tür vielleicht dazu? Wie bedroht war denn sein Leben, wenn man mitten in einem sicherlich bestens gesicherten Gebäude noch zusätzlich eine Posten vor seiner Tür brauchte? Reyer wusste oder ahnte sicherlich, dass Martin glauben müsste, es sei völlig normal, einen Wächter vor seiner Tür vorzufinden. Oder war das tatsächlich eine Selbstversändlichkeit? Eine Welle der Paranoia überkam ihn. Die selbe Frage konnte er sich bei allem stellen, was ihn umgab, dem weißen Hemd, den Bergen, allem. So konnte es nicht weitergehen. Er schlüpfe in ein paar Pantoffeln, das er neben dem Bett fand und machte einen entschlossenen zweiten Anlauf in Richtung Tür.

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Langsam zog er den Kopf gegen einen leichten inneren Widerstand wieder in das Zimmer zurück. Am Liebsten hätte er noch viele Stunden so verbracht. Während nichts und niemand Erwartungen an ihn richtete oder ihm Fragen stellte, am Wenigsten er selbst. Sicher war es nur eine Frage der Zeit bis jemand anklopfte und eintrat. Martin hätte darüber nachdenken können, wer es sein würde und mit welchem Anliegen er sich an ihn wenden würde doch er unterließ es. Bisher hatte er sowieso immer falsch gelegen und bei der Suche nach seinen Erinnerungen hatte es ihm auch nicht geholfen. Schwerfällig drehte er sich um und betrachtete das Zimmer das ihn beherbergt hatte. In der Mitte stand ein riesiges Bett aus dunklem Holz. Vermutlich Eiche. Zurückgeworfen lag eine weinrote Tagesdecke auf der Bettdecke. Die Wände waren in einem matten beruhigenden Grünton gestrichen. An ihnen hingen in hölzernen Rahmen verschiedene Landschaftsausnahmen, zumeist waren die Berge, die die Stadt umlagerten, das Motiv. Martin betrachtete die Aufnahmen so eingehend, als zeigten sie sein bisheriges Leben. In ihm regte sich etwas, etwas namenloses, etwas, das er nicht benennen konnte. Zu vage waren die Züge, zu untastbar die Konturen. Er zwang sich, den Blick abzuwenden ehe er sich übermäßig aufregte. Ließe er es zu, die Geduld mit sich und seinem Gedächtnis zu verlieren und sich unkontrolliert zu verhalten, böte er nicht nur für eventuelle Feinde eine zu große Angriffsfläche. Auch er selbst würde die Achtung vor sich verlieren. Denn zumindest das war ihm geblieben. Ein ausgeprägtes und gefestigtes Selbstwertgefühl, man konnte sicher auch von Selbstliebe sprechen. Unerschüttert von den fehlenden Jahren und den fehlenden Teilen seiner Persönichkeit spürte er eine starke Integrität. Der Widerspruch war ihm bewusst, störte ihn jedoch nicht weiter. Da dieses Gefühl derzeit das einzige war, was ihm eine positive Gewissheit seiner selbst vermittelte, wollte er es nicht durch Zweifel und Zerdenken gefährden. Noch besser war es sicherlich, sich dem Tag zu stellen und herauszufinden, wie seine nähere Umgebung beschaffen war. Martin wandte sich zur Tür, öffnete sie geräuschlos und trat auf den Flur hinaus.

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2. Teil

Martin war wieder zurück, zurück unten am Fluss. Sein Körper war jung, agil, sein Mantel grau, sein Hut altmodisch. Wie verkleidet kam er sich vor; wandelte durch die schwüle Sommernacht. Die Stadt in ihren Lichtern, der Fluss, die alte Brücke, die Sterne, die Menschen, sie alle wirkten wie gemalt: überfarbig, übergroß, ein van Gogh. Gestört wurde das Bild von seinem Gestank; es war viel zu lang Sommer gewesen und der Fluss ströhmte einen wiederlichen, fauligen Duft aus, kühl und modrig und tot. In dem Geruch schwamm Martins Hut davon, und wie er versuchte die altmodische Kopfbedekung festzuhalten, entglitt sie ihm jedes Mal, da er danach griff, weiter. Mit Schrecken bemerkte er plötzlich, dass nicht der Hut sich von ihm, sondern er sich vom Hut entfernte, indem er nämlich tiefer und tiefer in das kalte Wasser herab gezogen wurde, in dem er sich seit geraumer Zeit befand. Panisch begann er mit aller Kraft nach oben zu schwimmen, hin zu dem Licht, dem übergroßen, wellenverzerrten Mond, dem Hut, der an der Oberfläche trudelte, doch vergebens – etwas sog ihn tiefer und tiefer herab.

Halb noch schlafend, halb erwachend waren für Martin beide Realitäten gleichwertig; Traum und Wirklichkeit lagen nebeneinander und er bedauerte nur, dass er sich diejenige, in die er nun glitt nicht aussuchen konnte. Bald schon spürte er seinen richtigen Körper, die weißen, duftenden Laken und langsam verließ ihn der faulige Geruch der Dulma. Was mochte an jenem Abend geschehen sein, fragte sich Martin, denn dass der Traum Fetzen von wahrer Errinnerung enthielt, stand für ihn außer Zweifel. Er setzte sich auf und sah sich gegenüber in einem Spiegel als der selbe ältere Herr, als der er sich schlafen gelegt hatte, ihm weit fremder als der jugendliche Ego in seinem Traum.

Er konnte sich also immer noch nicht errinnern. Aus dem Fenster blickend sah er das Nebel verhangene Stada-Tal, die Hänge der Berge und ihre schneebedeckten Gipfel. Sledvana Stada war immer Brutaniens reichster und berühmtester Kurort gewesen, international bekannt für seine heißen Quellen, seine Schiepisten und seine spezielle Schokolade. Als Martin sich aus dem Fenster beugte und den Blick nach links über den Ort schweifen ließ, sah er fast genauso aus, wie er ihn aus seiner Kindheit in Errinnerung hatte, nur sauberer, weißer, schöner. Die großen Hotels waren verschwunden und, wenn er sich nicht täuschte, einige der Schilifte.

Tief atmete er die klare Bergluft ein, sie tat ihm wohl, wie ein Versprechen, dass er all das eines Tages überstehen würde.

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Wortlos setzte sich das Trio in Bewegung. Sie gingen einen langen dunkelen Gang entlang der in seinem Bau stark an die Gates auf Flughäfen erinnerte. Ein schlauchartiger Schacht ohne Fenster mit einem gummierten Fussbodenbelag. Ungewöhnlich und ihm unbekannt war jedoch ein fluoriszierender Schleier, der sich über die Wände spannte. Die Stille begann sich unangenehm auszuweiten und hätte zumindest eines gedankenlosen Kommentars bedurft- doch niemand sagte etwas. Sie sahen sich auch nicht an. Jeder schien in sich zurückgezogen und unberührbar zu sein. Auch dann, als Martin den ersten Impuls zu sprechen verspürte, widerstand der dem inneren Wunsch mühelos. Er wusste auch jetzt nicht, wieso er handelte, wie er handelte. Aber es fühlte sich so sicher an, so richtig und er schien  sich selbst damit am Ehesten nahe zu kommen, schien sich selbst durch seine Handlungen wiederzufinden. Er wusste nicht mehr wer er war aber er handelte wie er. Martin Huber. Einzig Sorge bereitete ihm bei dieser Methode die enorme Diskrepanz zwischen dem, was er erinnerte und dem, was tat. Es mussten Jahrzehnte dazwischen liegen, soviel wusste er mittlerweile. Dennoch überraschte und entsetzte ihn die Unterschiedlichkeit. Fast war es, als wäre er nicht einer sondern zwei. Er räusperte sich hart, nicht, um die äußere Stille endlich zu durchbrechen sondern um die inneren Abläufe zu stoppen die ihm doch ein rechter Unsinn zu sein schienen.

Er hatte nie viel für allzu abstrakte Gedanken übrig gehabt. Nie viel….hiess das, das er soeben eine Eigenschaft ausgemacht hatte, die sowohl vor vielen Jahren als auch jetzt zu ihm gehörte? Fast schon öffnete er den Mund um seine Begleiter nach diesem Umstand zu befragen. Doch sofort durchbohrte ihn erneut die Frage, wem der ihn umgebenden ihm vertrauen konnte. Und solange er das nicht wusste, schien es besser, sein eigener Verteidiger zu sein.
Sein Räuspern hatte offenbar Dr.Maresh dazu bewogen, der schneidenen Stille zu entsagen.

„Also Herr Direktor Huber, nachdem wir in Kürze Sartania Ordor verlassen haben werden, fliegen wir wie angekündigt ins Sanatorium nach Svetlana Stada. Dort ist bereits alles für Sie vorbereitet.“ „Gut“, lobte Martin unehrlich. Was auch immer ihn an jenem Ort erwartete, es würde mit Sicherheit mindestens ebenso anstrengend wie die bisherige Zeit sein. Ein Wettrennen um das Geheimnis seiner Identität. Die Frage war nur, wer zuerst ankommen würde- die anderen oder er selbst.

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Später hatte Martin keine Ahnung mehr, wie er die nächste Stunde überstanden hatte. Irgendwie war es ihm wohl gelungen, weitere belanglose Phrasen mit Bella und den Anderen auszutauschen, zu lächeln.

Der Mann, der Martins Rede auf dem Balkon fortgesetzt hatte, stellte sich später als sein Innenminister heraus. Er kam irgendwann nach drinnen, sichtlich erschöpft und außer Atem. Martin hatte eine weitere Gefahr im Stile von Hauptmann Reyer erwartet, vor allem, weil er nicht vergessen hatte, was ihm der Andere für Blicke zugeworfen hatte, als sie an einander vorbei gelaufen waren – doch zum Glück war dem nicht so. Der Minister ging zielstrebig auf das Buffet zu und trank roten Wein in vollen Zügen direkt aus der Karaffe. Später kamen noch seine Frau und ein Menge anderer Leute in den Saal, die Martin vergessen hatte. Er schüttelte ihre Hände, sagte Dinge ohne jede Aussage, nahm Glück- und Besserungswünsche entgegen. Er hatte das Gefühl, nie etwas anderes getan zu haben.

Immer, wenn er glaubte, den Boden unter den Füßen zu verlieren, war glücklicherweise seine Frau da, an der er sich festhalten konnte. Als Reyer schließlich kam, um ihn und Dr. Maresh zu dem angekündigten Hubschrauber zu bringen, und die beiden Männer vorgegangen waren, blieb sie kurz mit Martin im Gang stehen.

“Schade, dass ich nicht nach Svetlana Stada mitkommen kann “, sagte sie.

“Vielleicht kannst du nachkommen”, meinte er, ohne recht zu wissen, warum.

Sie lachte: “Wenn Dr. Maresh es erlaubt.”

Eine Menge Sarkasmus lag in ihrer Stimme, den sich Martin im Moment nicht erklären konnte.

“Erhohl dich gut”, sagte sie, gab ihm einen Kuss und drehte sich um in Richtung Festsaal. Martin sah ihr einen Augenblick verwirrt nach, dann folgte er Maresh und Reyer, die Taktvoll am Ende des Ganges auf ihn gewartet hatten.

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Bella zuckte leicht zusammen, fasste sich aber sofort und hauchte ihm ins Ohr:“ Ich sehe, du hast doch nicht alles vergessen….“ Martin fühlte sich unangenehm berührt, genoss aber den Halt, den er aus dieser Position bezog, dermaßen, dass er den Impuls, seinen Kopf ruckartig zurückzuziehen, unterdrückte. Stattdessen erwiderte mit einem perfekten Lächeln: Nein Liebling…natürlich nicht, wie könnte ich auch.“ Wie eine Katze schmiegte sich Bella daraufhin an ihn und aus irgendeinem Grunde gab ihm das zusätzliche Sicherheit- jene, die wohl viele Männer in Wahrheit suchen, wenn sie einer Frau Schutz zu bieten vorgeben.

Konnte er ihr vertrauen? War sie seine loyale Gefährtin? Oder lediglich eine glitzernde Begleitung von der erwartet wurde, dass er sie hatte? Schlecht konnte sie direkt danach fragen. Er würde auf Umwegen herausfinden müssen, was sie verband. Was sie erbinden sollte, wusste er ja bereits.
Er wendete seine Aufmerksamkeit wieder Bella zu. Sie flötete gerade mit spitzen Lippen eine bittersüsse Bemerkung zu einer Aussage Klaus Volts. Was Volt gesagt hatte, konnte Martin nur aus Bellas Worten versuchen abzuleiten. Doch bevor er damit recht begonnen hatte, fiel sein Blick auf ein auf dem Tisch liegendes Buch. Es zog ihn nahezu magisch an- zeigte es doch ihn in einer weissen Uniform, ähnlich der, die Reyer trug, auf einer Brüstung stehend salutierend. Eine Reihe von Orden verschiedenster Farben zierten seine Brust. Unüberlegt riss Martin sich regelrecht von Bella los und war mit einem Satz bei dem Buch. Hektisch nahm er es in die Hand und suchte sofort nach dem Inhaltsverzeichnis. Eine Biografie! Darin musste alles stehen, was er vergeblich zu erinnern versuchte! Er hätte am Liebsten sofort angefangen zu lesen. Ein Instinkt bewahrte ihn davor. Schon war auch Maresh bei ihm und sprach ihn übertrieben laut an: „Ach, Direktor Huber, diese Auflage kennen sie ja noch gar nicht, nicht wahr? Ist es dem Staatsillustrator nicht hervorragend gelungen, sie auf dem Cover in die entsprechende, ihnen gebührende Szene zu setzen? Ganz wie sie es gewünscht hatten….“

Ebenso laut erwiderte Martin: Oh, aber natürlich, genau so hatte ich mir das vorgestellt, Dr. Maresh. Sehr gute Arbeit, wirklich sehr gute Arbeit.

Derweil lehnte Reyer an der Tür und beobachtete die Szene. Ohne jegliches Zeichen einer inneren Reaktion blieb sein Gesicht unbewegt und er verschwand so beiläufig aus dem Zimmer, wie er die Szenerie beobachtet zu haben schien.

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Schnell steckte sich Martin ein Häppchen in den Mund, um nichts sagen zu müssen.

Reyer nahm einen Schluck Wein.

“Ich bin sehr froh, dass Sie wieder unter uns sind.”, sagte er weich.

“Ich auch, das können Sie mir glauben”, konterte Martin, für sich selbst unerwartet.

“Wir können in einer Stunde, nach Sledvana aufbrechen, wenn es Ihnen recht”, sagte Reyer.

Martin zog sich alles zusammen.

“Sie kommen mit?”, fragte er ungläubig. Reyer sagte kein Wort; er brauchte nicht zu antworten. Er warf Martin nur einen sehr langen, vielsagenden Blick zu. Er war der Chef von Martins persönlicher Leibwache, natürlich kam er mit. Eine Selbtsverstädnlichkeit. Martin hatte den Fehler, auf den Reyer gewartet zu haben schien, bereits begangen. Dieser tat indes gar nichts; sah ihn nur an.

Schließlich meinte er: “Das wird wohl unumgänglich sein.” und stand auf. Er beugte sich zu Martin zurück und flüsterte: “Direktor Huber. Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Feinde während Ihrer Behandlung nicht untätig waren und in der Zeit die Karten neu gemischt haben. Sehen Sie sich vor, wem Sie vertrauen und wem nicht. Ich kann Sie beschützen, aber nur, wenn Sie keine Geheimnisse vor mir haben.”

Mit diesen Worte entfernte er sich lächelnd und verließ den Saal. Martin stand ebenfalls taumelnd auf, um nicht als Einziger zu sitzen. Kaum stand er verspürte er das dringende Bedürfnis, sich irgendwo festzuhalten und fand sich unwillkührlich an Bellas Seite gelehnt wieder, den Arm um ihre Hüfte geschwungen. Das Ganze war so schnell und instinktiv geschehen, wie man einen plötzlichen Schlag ins Gesicht abwehrt.

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Reyer wendete sich genauso unwillig wie schwerfällig zu Maresh, liess dabei jedoch seinen Blick, der so stark war, als würde er sich mit Widerhaken in Martin verankern, so lange wie möglich auf diesem ruhen. Kälte rann ihm über den Nacken. Er fühlte sich, als hätte Reyer ihn bis auf den Grund seiner Seele, weit über das, worauf er derzeit selbst Zugriff hatte, hinaus, durchleuchtet. Er hatte Martin mit diesem einzigen Blick wissen lassen, dass er zu großen Teilen ahnte, was hier gespielt wurde. Martin beobachtete ihn.Am Gefährlichsten schien seine Intelligenz zu sein.Er hatte sie unverhohlen mit seinem Blick offenbart. Noch deutlicher zeigte er Sie jedoch durch seine gezielte Zurückhaltung im Gespräch mit Dr. Maresh.
Er versuchte nicht etwa, Maresh über Martins Zustand auszufragen und machte auch keinerlei Anstalten, eine offene Szene zu gestalten, in der er Maresh beispielsweise laut Betrug vorwarf. Nein, er beobachtete, verwanzte die Menschen mit seinen Blicken und brachte sie dazu, Fehler zu machen. Wonach er nur noch im richtigen Moment zuschlagen musste.

Martin hielt inne. Hatte er eben nicht aus diesem einen Blick etwas zu viel herausgelesen?

Oder war das ein Fragment seiner eigenen Erinnerung? War es konstruiert aus den Ausführungen Mareshs? Woher wusste Martin eigentlich, ob nicht Maresh es war, der ihn verraten würde? Doch nein, das war ausgeschlossen. Der Blick Reyers hatte jedes Wort von Maresh bestätigt.

Martin drehte sich um. Unauffällig beobachtete er nun seine Frau. Nichts an ihr kam ihm in irgendeiner Weise vertraut vor. Er hätte nicht einmal sagen können, ob sie annähernd seinem Frauengeschmack entsprach oder nicht. Er hatte sie sofort als „schön“ klassifiziert. Das Problem war jedoch, dass es nur eine erlernte Einordnung, eine Messung mit den Idealen der Gesellschaft gewesen war, die er getroffen hatte. Er hatte dabei nichts empfunden, absolut nichts. Er grinste plötzlich. So ging es vielen Menschen, dass sie beim Anblick ihres Partners absolut nichts mehr empfanden. Die meisten bemerkten es nur nicht, weil sie diesen Fakt bereits so sehr in ihre Identität integriert hatten, das er ihnen nicht mehr bewusst war.

Martin beschloss, sich auf einen der Stühle zu setzen und etwas zu essen. Mit vollem Mund konnte man schliesslich schlecht reden und er würde nicht nach grossen Ausreden suchen müssen, wieso er kaum etwas sagte. Kaum saß er, saß Reyer schon neben ihm.

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“Okay”, wisperte Martin, “okay”

Die blonde Schönheit, Bella, war scheinbar durch Dr. Mareshs Eingriff etwas verunsichert, beobachtete die Beiden aber im Abstand von ein paar Metern nachdenklich und nippte an einem Cocktail.

Konnte sie hören, was er sagte?

So leise wie möglich fragte er den Doktor: “Ist das meine Frau oder sowas?”

Maresh nickte. Martin konnte sehen, wie Bella, von einem der anderen Anwesenden angesprochen, ihre Aufmerksamkeit wiederwillig von ihm löste. Er glaubte, nun etwas freier sprechen zu können.

“Wie soll ich denn bitte mit ihr reden?”, fragte er, bemüht, trotz der aufsteigenden Panik weiterhin zu flüstern: “Ich erinnere mich doch nicht.”

“So wenig wie möglich”, sagte Dr. Maresh und lächelte dünn, “haben Sie keine Angst. Das durchschnittliche Ehepaar unterhält sich sieben  Minuten am Tag.”

Martin hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen. Da war dieser Mann, der als Einziger im ganzen Raum Martins Notlage kannte, und er behielt eine Ruhe, die geradezu teuflisch war.

Wie es manchmal so passiert,  in einem Raum mit wenigen, kleinen Gesprächsrunden waren plötzlich, einen Moment lang, alle gleichzeitig still und Martin konnte draußen den Mann mit den scharfen Blicken brüllen hören. Er sprach von der Vernichtung der Feinde Brutaniens. Was das Land sich in den letzten zwanzig Jahren wohl für Feinde gemacht hatte?

Martin raffte sich auf und trat zusammen mit Maresh zu den Anderen. Außer Bella und Klaus Volt fand er noch einen Mann, bei dessen Anblick ihm ein unerklärlicher Schauer über den Rücken lief. Er hatte ein ebenmäßiges, kindlich glattes Gesicht, das in seiner Fehlerlosigkeit geradezu künstlich wirkte, dunkle Augen und kurze, glänzende schwarze Haare. Er trug eine tadellose, weiße Uniform, die irgendwie asiatisch wirkte, mit einem strengen, hochgeklappten, blutroten Kragen. Das musste Reyer sein, vor dem der Doktor ihn gewarnt hatte.

Wie, als hätte dieser Martins Gedanken erraten, wandte er sich an unheimlichen Mann und sagte: “Ach ja, Hauptmann Reyer, ich muss mit Ihnen noch dies und das besprechen. Würden sie kurz -?”

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„Endlich..! Geliebter Martin, endlich sehe ich dich wieder…!“. Schrill hallte die markante Stimme in Martins Ohren, er wich unwillkürlich einen Schritt zurück, doch die blonde Frau hatte ihn schon ergriffen und umarmte ihn stürmisch. Umarmen war dafür allerdings nicht das richtige Wort- umklammern war treffender. Hätte sie über mehr Kraft verfügt hätte Martin unter einer physischen Luftnot gelitten, so jedoch litt er unter einer psychischen. Sein Körper aber reagierte instinktiv und erwiderte automatisch die Umarmung. Er hatte keinerlei Erinnerungen an diese Frau, genauso wenig wie an alles andere und sagte daher zunächst nichts. Er fürchtete kurz, sein Schweigen könnte auffallen. Dies war jedoch unbegründet. Die blonde Schönheit achtete keineswegs auf seine Reaktion, war sie doch viel zu sehr damit beschäftigt, ihn mit der ihren zu überschütten. Wenige Augenblicke später eilte ihm Dr. Maresh zu Hilfe. „Aber Bella, ich bitte Sie…so lassen Sie Martin doch einen Moment Zeit…ich sagte Ihnen ja bereits, dass er noch nicht ganz auf dem Posten ist und dass es besser wäre, wenn sie ihm noch einige Wochen Ruhe lassen würden, bevor sie ihn wiedersehen. Er weiß doch gar nicht, wie ihm gerade geschieht…das hatte ich ihnen doch erklärt.“ Sanft ergriff er ihre Schulter und zog sie von Martin weg. Dieser schloss die Augen und versuchte, sich zu beherrschen. Das Bedürfnis zu schreien und sie alle aus dem Raum zu werfen drohte ihn zu überwältigen. Ihm wurde schwindlig und er begann zu schwanken. „Nein“, dachte er „nicht schon wieder eine Ohnmacht…es bringt ja sowieso nichts. Jedes Mal wenn ich aufwache ist alles mindestens genauso furchtbar wie vorher.“ Doch Dr. Maresh war schon bei ihm, schob ihn auf einen Stuhl und schob ihm eine Tablette zu. „Nehmen sie das!“, wisperte er, sich dabei genau umsehend, ob auch niemand sie beobachtet hatte. Martin nahm die Tablette und schluckte sie. Schlagartig ging es ihm besser. Sein Kopf klärte sich, der Schwindel schwand.

„Dr. Maresh“, begann er, „sie sagten, eine kurze Rede und dann Ruhe. Offensichtlich ist das nicht der Fall. Wie lange geht diese Veranstaltung mit mir als dem Special Guest hier noch? Ich möchte mich endlich ausruhen. Sie sagten doch etwas von Kur…“

„Direktor Huber“, entgegnete ihm der Gelbhäutige, „auch wenn es zunächst unangenehm für Sie ist, ich rate Ihnen dringend, diesem Treffen noch einen Moment beizuwohnen. Es könnte Ihnen sehr dabei helfen, Ihre Erinnerung schneller zurückzuerlangen. Die allzu heftigen Reize wie Bella versuche ich Ihnen vom Hals zu halten. Und wenn es gar nicht mehr geht, geben sie mir ein kurzes Zeichen. Aber dank der Tablette, ein kleines Stärkungsmittel, sollten sie schon noch eine Stunde oder vielleicht sogar zwei durchhalten. Abgesehen davon ist das gut für die Aussenwirkung. Man wird ihnen kaum glauben, dass sie wieder in Ordnung sind, wenn sie nach 5 Minuten schon kollabieren.“

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